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Geschichte scheint immer Liebesgeschichte zu sein
Mit Ralf Bönt sprach Jörn von Börn

Jörn v. Börn: Herr Bönt, gleich für Ihren ersten Roman haben Sie mehrere Preise erhalten, und…
Bönt: Das stimmt nicht.
Börn: Wieso?
Bönt: Einen Preis, den 3sat-Preis.
Börn: Den haben Sie für Gold bekommen, den zweiten Roman.
Bönt: Gold ist mein erster Roman gewesen, Icks mein zweiter, wenn man von einem allerersten absieht, Der Deal, den ich noch als Copyshopheftchen vervielfältigt und in Auszügen publiziert habe, und den es heute manchmal antiquarisch zu kaufen gibt. Icks erschien allerdings auch als erster, wahrscheinlich meinen Sie das. Und während der Arbeit an Icks habe ich jedenfalls endgültig gemerkt, dass ich zur Literatur komme, wenn nicht sie zu mir.
Börn: Wo waren Sie vorher, wenn nicht bei der Literatur?
Bönt: Ich war vor allem sehr wütend. Ich kam aus der Naturwissenschaft, die einseitige Arbeit hatte mich sehr unausgeglichen gelassen und ich besaß mehr Energie als ich Kraft zur Gestaltung hatte.
Börn: Gold werten sie ab? Das Buch stand auf dem Spielplan des Berliner Ensemble. Bönt: Wurde aber nicht gespielt. Aber ich werte Gold keineswegs ab, da sind große poetische Qualitäten in der Darstellung der beiden Paare und Berlins im Übergang, die eben vor allem von Theaterleuten geschätzt werden. Narrativ ist Gold aber nicht so stark wie Icks oder was ich heute schreibe.
Börn: Wieso kam das Stück nicht heraus?
Bönt: Peymann hatte offenbar weniger Energie als Gestaltungswillen, jedenfalls diskutierten wir ein dreiviertel Jahr die Dramatisierung, die Finanzierung und die Bühne, die mal klein war und mal die große. Zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich dann meine eigene Mitarbeit, auf die ich nie scharf war, abgesagt. Aber das Buch ist sehr aktuell, hier auf der Messe habe ich mit einem Kollegen von Ihnen grad drüber gesprochen.
Börn: Weshalb war dann Gold narrativ nicht so stark?
Bönt: Weil es eben die Prioritäten anderswo hat. Man setzt sich ja nicht hin und ist fertiger Romancier in der einen oder anderen Richtung. Man probiert was aus, zum Glück tut man das, und bei vielen Künstlern ist die frühe Phase die interessanteste, zumal rückblickend aus einem Spät- oder Hauptwerk. Das hat natürlich Gründe. Ich habe bald gemerkt, dass ich dem Erzähler ungefähr so vertraue wie Einstein dem absolutem Raum, habe mich immer für die Rede selbst interessiert. Wir können diskutieren, ob man grundsätzlich mehr über den Erzähler erfährt oder die Erzählten. In Gold habe ich sie vertauscht, und das macht das Buch sicher für die Bühne interessant, zumal die Personen und die Erzähler kaum historisches Bewußtsein haben. Es liegt dann in der Natur der Sache, dass man mehr ausstellt, als erzählt werden kann. Für mich selbst war es vermutlich aber auch schlicht so, wie Heiner Müller den Beginn der Schriftstellerarbeit charakterisiert: Ich habe mir erstmal die Wut aus dem Bauch geschrieben. Hat Spaß gemacht.
Börn: Das merkt man. Icks ist aber auch wütend und dazu sehr autobiografisch. Sind Sie da besser an Ihren eigenen Stoff herangekommen?
Bönt: Wieso das denn?
Börn: Was?
Bönt: Autobiografisch. Woher wollen Sie denn das wissen, Sie kennen mich doch gar nicht.
Börn: Ist es nicht autobiografisch? Klären Sie mich auf!
Bönt: Ich werde sicher nicht den Fehler machen, Ihnen zu beweisen, dass es nicht autobiografisch ist, denn Sie legen mir das dann einfach umgekehrt aus.
Börn: Kommen Sie.
Bönt: Es ist erstens autobiografisch, weil Sie es so gelesen haben, und zweitens, weil ich es ja geschrieben, also auch erlebt habe, nicht? Die Frage offenbart aber Ihren Mangel an Phantasie oder Ihre mangelnde Bereitschaft, Ihre Phantasie einzusetzen. Das frappiert mich immer wieder aufs Neue, dass alle nur an Klatsch interessiert sind. Letztens las ich mein Hörspiel "Das weiße Herz" vor. Es gibt eine Szene, wo ein Paar am 1. Januar 2000 morgens bemerkt, dass nur noch ein Ei im Kühlschrank ist. Nach der Lesung lobte man die Szene, wollte aber nicht glauben, dass sie erfunden war. Wessen Phantasielosigkeit ist das? Meine sicher nicht.
Börn: Jetzt haben Sie sich nicht so.
Bönt: Sie sind nicht auf dem richtigen Weg, wenn Sie was aus mir herausbekommen wollen. Frauen sind da klüger.
Börn: Was machen Frauen anders?
Bönt: Sie benutzen das Mitgefühl. Für wen schreiben Sie eigentlich?
Börn: Ich bin frei.
Bönt: Wer kann das schon von sich sagen. Ich beneide Sie.
Börn: Quatsch.
Bönt: Doch. Im Ernst. Sie haben das gerade sehr überzeugend gesagt. Wir sollten die Rollen tauschen.
Börn: Keine Chance.
Bönt: Vielleicht haben Sie doch eine Ahnung davon, was Schreiben ist? Icks ist jedenfalls gar nicht wütend, sondern sehr traurig.
Börn: Die Eltern von Icks kommen sehr schlecht weg in dem Buch.
Bönt: Finden Sie?
Börn: Ja.
Bönt: Immerhin meinen Sie also, die Eltern kommen überhaupt weg, Icks selbst kommt nicht weg, er muss weiter deutsches Erbe schleppen, ob er will oder nicht. Das schlimme für Icks ist ja nicht, dass er als Westdeutscher durch den Fall der Mauer arbeitslos wird, sondern dass er mit der deutschen Geschichte leben muss: Es ist genauso eine Unmöglichkeit wie unausweichlich, und diesem Fall ist das Wort Dilemma fraglos zu schwach. Es hat auch wenig Komik, ehrlich gesagt, entwickelt aber paradoxerweise eine. Mit seinen Eltern sitzt er in einem Boot, und sie streiten sich um die Platzverteilung: Wer rudert, wer lenkt, wenn der Strom so stark ist, dass weder rudern noch lenken etwas bewirkt?
Börn: Icks klagt seine Eltern wegen ihrer Bigotterie an, dem Egoismus getarnt als Wirtschaftswunder der Nachkriegsgesellschaft.
Bönt: Icks klagt vor allem sich selbst an. Die zwischen Eltern und Sohn in den Gesprächen verhandelten Problemchen um einen kleinen Steuerbetrug oder die korrekte Abrechnung der Nebeneinkünfte sind ja ausgesprochen lächerlich. Das interessiert ja wirklich niemand. Die Eltern von Icks verstehen aber die Veränderung um sie herum kaum, weil sie nichts als das Wirtschaftswunder haben, um aus ihrem Leben in der Rückschau einen Erfolg zu buchstabieren. Sie sind als Kinder in diesen Käfig gesperrt worden und kommen nicht mehr heraus. Natürlich wollen sie an dieser Lebenslüge festhalten. Icks übrigens gesteht ihnen das zu und nimmt die Schuld und das Scheitern auf sich.
Börn: Klingt heroisch.
Bönt: Aber weil es nicht geht, fühlt er sich eben ganz anders! Und hier schließt sich der Kreis zum Selbstmord von Holtkämper, den es im Gegensatz zur beschriebenen Straßenbahnlinie tatsächlich gegeben hat und der Anlass war, dieses Buch zu schreiben. Man müsste in die Traumatologie einsteigen, hier gibt es Thesen, dass ein Trauma in der übernächsten Generation ausgelebt wird.
Börn: Und so geht es Ihnen?
Bönt: Woher ich nun die Energie für das Buch genommen habe, denn man braucht für einen Roman nach Brecht ein Sitzfleisch, das ist eine ganz andere Geschichte und muss mit dem Thema soviel zu tun haben, wie die Mutter von Lance Armstrong mit Doping.
Börn: Aber es muss doch auch einen harten biografischen Anstoß gegeben haben, um dies Buch zu schreiben.
Bönt: Also, es gab diesen Selbstmord in Bielefeld, das Täteropfer kannte ich nicht. Es handelte sich um Freunde meiner Eltern. Im Roman wird Icks von seinem Bruder angerufen, wie ich tatsächlich einmal von meinem Vater angerufen worden bin. Die Unterstellungen sind von einem konsequenten Zerstörungswillen und ich fragte mich, woher kommt denn der. Ich habe im Roman den Fall durchgespielt, dass das Telefonat seitens des Bruders Berechtigung hat. Ansonsten bin ich schon etwas ausgeglichener als Icks, der niemals einen Roman hätte schreiben können. Kertész sagt, beim Schreiben ist man glücklich. Der Unglückliche kann nicht schreiben. Und sowieso: Wäre ich Icks, hätte ich ihn wirklich auch etwas vorteilhafter erscheinen lassen.
Börn: Verstehen Sie sich als politischer Schriftsteller?
Bönt: Ich wüsste nicht, was das ist. Ich bin Schriftsteller und nach vielen Umwegen sehr glücklich, meinen Beruf gefunden zu haben. Kunst und Politik sollten sich als komplementär verstehen, zumal in Deutschland. Die Politik ist eh nichts für mich.
Börn: Weshalb nicht?
Bönt: Ich habe ungern Macht über andere, und ungern, dass andere welche über mich haben. Ich habe auch nicht den Wunsch, die Welt zu verändern, und das ist eine gute Basis, um sie zu erkennen. Der Politiker muss doch Diplomatie und Intrige beherrschen, ich stelle mich dagegen in den Dienst einer wie auch immer gearteten Wahrheitsfindung, die rücksichtslos sein muss. Dabei interessiere ich mich, ganz anders als ein Politiker, vor allem für Gefühle und deren Bedingungen. Geschichte scheint doch immer Liebesgeschichte zu sein.
Börn: Sie kamen aus der Theoretischen Physik, haben bei Harald Fritzsch promoviert und unter anderem am CERN in Genf gearbeitet, …
Bönt: Ja, aber das ist nicht interessant. Nicht so interessant wie meine Lehre als Autoschlosser.
Börn: So.
Bönt: Ja, ehrlich.
Börn: Wieso haben Sie nach dem Abitur eine Lehre gemacht? Weil es schick war?
Bönt: Tischler zu werden war schick, Autoschlosser kein bißchen. Ich wollte was mit den
Händen machen und sah die Schule gescheitert, wenn ich mein Motorrad nicht zum
Laufen bekam. Sicher gab es auch eine gewisse Romantik der Arbeit und die Liebe zum
kleinen Mann.
Börn: Heute ist das anders?
Bönt: Ich komme bestenfalls aus dem Mittelfeld der Gesellschaft. Solche Leute glauben noch heute, es käme auf Leistung an, dass sie sich lohnte.
Börn: Worauf kommt es denn an?
Bönt: Auf den Anspruch, den man stellt. Der Mensch ist ein hierarchisches Tier.
Börn: Wie steht Ralf Bönt heute zum kleinen Mann?
Bönt: Nach Günter Gaus hat der Schwache das Recht auf Anpassung. Also machen mich die wütend, die heute alles tun, um den Schwachen in der Unmündigkeit zu belassen.
Börn: Wer ist das?
Bönt: Boulevardjournalisten, Zahnärzte, der Papst.
Börn: Noch immer wütend also.
Bönt winkt ab.
Börn:
Doch nicht? Unschlüssig?
Bönt: Vor sich selbst kommt es auf Ehrlichkeit an. Schwer genug. Wer hat das noch gesagt, dass Schreiben das tägliche Selbstgericht ist?
Börn: Conrad. Wieso ist das schwer?
Bönt: Weil Ehrlichkeit weh tut.
Börn: Wem?
Bönt: Allen. Mir kommt es allerdings so vor, als könnte ich nicht anders. Deshalb wohl die Flucht in diesen Beruf, wo man mit den Dingen umgehen und sich Ehrlichkeit nicht nur leisten kann, sondern auch muss.
Börn: Was lesen Sie zur Zeit?
Bönt: Giordano Bruno. Und natürlich die Sportberichterstattung der großen Tageszeitungen.
Börn: Vielen Dank für das Gespräch.
Bönt lacht: Dafür nicht, heißt es im Westfälischen.