Celeritas
oder Die Entdeckung des Lichts

Zum Auszug aus dem Roman, der im Merkur,
Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken, Doppelheft 2008: Neugier, erscheint,
Hg. Karl-Heinz Bohrer und Kurt Scheel, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart.


Schreibtischnotiz

      Auf dem Buch, das hundertsechsundsechzig Jahre nach seinem Abschiedsbrief an Ada und dem einsamen Spaziergang im dunklen, verregneten London auf meinem Schreibtisch liegt, stützt Faraday im schwarzen Frack und weißen Hemd mit Stehkragen lässig den Oberkörper über seinen linken Ellbogen auf einen Tisch, halb lehnt er an ihm. Auf dem Tisch steht ein Kasten, aus dem sich eine Schnur schlängelt. Die Hände wie im Gebet gefaltet, geht der Blick vollkommen irdisch und zufrieden rechts am Betrachter vorbei auf ein halb hohes Ziel im Raum. Jung ist er auf diesem Bild, der Mund hat weibliche Züge.
       Ich vergleiche ihn mit anderen Biografierten, die unsere Leben verändert haben. Washington und Bismarck sind auf ihren dicken Büchern beide in hohem Alter abgebildet. George Washington, der den Pocken getrotzt und in ungezählten Schlachten auf seinen Pferden gesessen hat, um aus indianischen, französischen und englischen Gewehren wie von geisterhafter Hand bestimmt keine einzige Kugel zu fangen, wird herrisch gezeigt, mit einem beinahe beleidigten Zug um den Mund. Dabei hat dieser Mann nach seinem Vierteljahrhundert des Morastes, der Bakterien und des Hungers mit Hilfe der Franzosen schließlich die Engländer besiegt und sich anschließend geweigert König von Amerika zu werden.
      Bismarck wirkt bäuerlich. Das Bild stammt mit freundlicher Genehmigung aus Preußischem Kulturbesitz, aber Bismarcks Briefe sprühen vor Humor, Polemik und Einsicht.
      Napoleon, der die Zeit für das große Element zwischen Masse und Kraft hielt, und der gar nicht erst erwachsen geworden ist, trägt einen Hut und seine roten Lippen in einer sicheren Ecke weiter links oben auf meinem Schreibtisch.
      Einstein: Zum Glück prangt über dem Namen nicht das berühmte Bild mit den fahrigen langen Haaren und der ausgestreckten Zunge, das an seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag aufgenommen worden ist. Dieses Foto, das der Meister aller Klassen an Freunde und Kollegen mit der Bemerkung verschickte, es gebe seine politischen Anschauungen wieder, wäre auch zu viel des Einfachen und Guten gewesen. Stattdessen hat er die Hand an einer im Mund endenden Pfeife und schickt seinen lässigen Blick wohin er gehört: an den Rand des Universums. Keine Andeutung seines albernen Wesens, davon, dass er Frauenheld und Vater verheimlichter Kinder war, oder dass sein Arzt ihm Stunden nach seinem Tod ohne Erlaubnis und in der blödsinnigen Hoffnung, etwas Außergewöhnliches zu sehen zu bekommen, das Gehirn aus dem Schädel trennte und in Würfel schnitt.
      Ich blättere durch Faradays dünnen Band. Bei einer sich weit hinten befindenden einzelnen Seite aus Glanzpapier bleibe ich mit dem Daumen hängen: Auf diesem Bild ist auch er älter. Die Haare nun weiß, trägt er wieder Stehkragen, dazu einen Backenbart. Die Augen gehören noch immer dem neugierigen, angstlosen, glücklichen Jungen von früher, jetzt gebettet in ein Gesicht jener Müdigkeit, die seine klagenden und entschuldigenden Briefe füllt. Ich klappe das Buch zu. 
      Dass alles an einem Leben Zufall ist, kann man nicht akzeptieren. Wie soll man es erzählen? Vorne anzufangen ist wie das Anzählen eines Boxers im Ring, und vom Ende aus betrachtet legt sich Bedauern auf alles. Beides wäre falsch. Eine Zeit lang dachte ich, man müsse ein Ereignis finden, unter dessen Stern das Leben stand, das eine, alles entscheidende Ereignis und dann in Kreisen oder Spiralen oder vielstimmig und widersprüchlich oder ohne jede Ordnung um dieses Ereignis herum erzählen. Aber ich konnte mich kaum für ein Ereignis in Faradays Leben entscheiden und noch weniger gegen die anderen. Der Stern, unter dem ein Leben steht, leuchtet schließlich dauerhaft. Und ich begriff, dass man ein Leben von der Liebe her erzählen muss, die es ausgemacht hat. Sie ist es, die das Leben erzählt. Sie war es, der Faraday folgte.

Icks

Piper Verlag, München 1999

Vor zehn Jahren hat Icks seine provinzielle Heimatstadt verlassen und eine internationale Karriere als Physiker begonnen. Mit dem Fall der Berliner Mauer wird diese jäh beendet: Weil der Kalte Krieg vorbei sei, habe man die Konkurrenz aus dem Osten nicht mehr zu fürchten, und das große Forschungsprojekt wird vom US-Senat abgewickelt. Icks, in den sechziger Jahren geboren, erlebt den ersten Einbruch der Geschichte in seine Biographie als plötzliche Arbeitslosigkeit. Als mittlerweile junger Vater und desillusioniert reist er zum ersten Mal seit zehn Jahren zurück zu seinen Eltern. Schon am Bahnhof konfrontiert ihn der Ort mit seiner Jugend, es beginnt eine Rückreise in die vergangenen dreißig Jahre. Adenauer, Hendrix und Dr. Oetker sind Stationen auf der Erkenntnis, dass seine Geschichte eine deutsche ist, und das Schweigen im Haus seiner Eltern noch immer vom Schock des Krieges stammt, den sie als Kinder erlebt haben. Der Besuch endet im Eklat. Schließlich verschwindet Icks in der Unmöglichkeit, zwischen Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit einen Platz zu finden.

Ralf Bönt hat eine Figur geschaffen, die zeigt, dass der Wunsch nach einem Schlussstrich unter das 20. Jahrhundert und der Wunsch nach einer Konservierung der Geschichte im Ursprung identisch sind. Die Quintessenz überrascht weniger: keine der beiden Haltungen ist lebbar. 'Icks' ist daher die große Parabel auf das unaufgelöste Selbstverständnis der Deutschen am definitiven Ende der Nachkriegszeit.

German Book Office, New York 2000

 


  
 
 
Gold

Piper Verlag, München 2000

"Gold" überzeugt durch seinen ganz eigenständigen Sound und lässt den 37jährigen Ralf Bönt zu einem Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur werden.

"Wir befinden uns am Ende des Jahrhunderts, in der Hauptstadt" und "irgendwie fühlte man, dass Geschichte in der Luft lag, schwanger schien alles" – in seinem zweiten Roman entwirft Ralf Bönt ein schwankendes Kaleidoskop des von grandiosen Medienmythen und desorientierten Menschen bevölkerten Berlin. Seine nur vordergründig so abgeklärten Protagonisten Anna, Lotte, Hans und Dorado stecken in einem verzwickten Wechselspiel aus Fehl- und Seitensprüngen, aus Liebe, Eifersucht und Traumgespinsten: "In ihren Schädeln Tumult, Gott kaum, und in den Herzen strömt beißendes Blut." Ebenso wie diese vier letztlich nur ein Rad im gesellschaftlichen Getriebe sind, so sind sie die willkürlich zu manipulierenden und zynisch zu kommentierenden Marionetten eines anmaßenden "Wir"-Erzählers. Dieser zieht diabolisch an den verwickelten Fäden, lässt die Geschichte vor- und zurücklaufen, variiert und kolportiert. Seine Sprache ist die eines mediengesteuerten öffentlichen Bewusstseins und pendelt zwischen kapitalistischen Heilsversprechen, autonomer Subversion und jauchzendem TV-Quiz.

Ralf Bönt schreibt auf der Höhe einer Zeit, in der Gefühle, Hoffnungen, Sehnsüchte und ein permanentes Mediengemurmel zu einem höchst widersprüchlichen Konglomerat zusammenschießen und sich nicht mehr in "endgültige Wahrheiten" auflösen lassen. Er operiert dabei mit einem sehr avancierten Erzählmuster und einer urbanen Poetik, die ebenso zärtlich wie obszön und von surrealen Verfremdungen durchzogen ist. "Gold" überzeugt durch seinen ganz eigenständigen Sound und lässt den 37jährigen Ralf Bönt zu einem Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur werden.

Karsten Herrmann






Auszug aus dem Roman 
Ingeborg Bachmann Wettbewerb 
herausgegeben von 
Iso Camartin und Thomas Tebbe 
Piper Verlag, 1998 

 
Gold
Auszug aus dem Roman

Heft 2 / April 1999: Neue Zeiten! Und die Literatur?
Akzente der deutschen Gegenwartsliteratur,

herausgegeben von Norbert Niemann und Wolfgang Matz,
C. Hanser Verlag

Mit Beiträgen von:
Ralf Bönt / Norbert Niemann / Ulrike Draesner /
Georg M. Oswald / Arno Geiger / Albert Ostermeier /
Heiko Michael Hartmann / Kathrin Röggla /
Annegret Held / Birgit Vanderbeke

"Der kulturkritische Jammerton, an dessen Berechtigung nicht der geringste Zweifel möglich ist, hat eigentlich nur einen Fehler. Er nimmt der Literatur die Möglichkeit, sich wirklich auf die Verhältnisse einzulassen. Es ist eine Sache, über die Populärkultur und alles, was mit ihr zusammenhängt, zu klagen: vor allem über den fast vollständigen Bedeutungsverlust von Literatur im öffentlichen Raum.
Es ist eine andere Sache, wenn Autoren versuchen, sich ihr Bild von einer Welt zu machen, die ihrerseits häufig nur noch aus bunten Bildern, Lärm, Gerede zu bestehen scheint. Denn eine Literatur, die den Begriff Gegenwartsliteratur ernst nimmt, müßte doch zumindest den Versuch unternehmen, die Gegenwart so wahrzunehmen, wie sie ist: Geprägt von elektronischen und gedruckten Bildern, von optischer Allgegenwart der Katastrophen und Kriege, von akustischer Dauerberieselung."

Norbert Niemann / Wolfgang Matz