Was läuft hier richtig?
Eine kleine Geschichte des Optimismus

Süddeutsche Zeitung, 2007
www.edge.org, 2007

Vor zwei Jahren brachte der Astrophysiker und Präsident der ehrwürdigen Londoner Royal Society Martin Rees ein Buch heraus, in dem er die Wahrscheinlichkeit der heutigen Zivilisation, bis ins Jahr 2100 zu überleben, auf 50% schätzte. Gefahren drohten, so Rees, weniger von der Natur und ihren Katastrophen als von Menschenhand: Atomtechnik, anthropogene Klimaveränderungen, Bio- und Nano-Technologie, Robotik und Terror würden uns in den Rücken fallen. Ein besonders schwerer Fall von Pessimismus, möchte man meinen. Denn gerade den Forscher hat man schließlich eher als notorisch Gutgläubigen vor Augen, der lieber unkritisch als warnend dem eigenen Tun gegenüber steht. Und muss ihn nicht auch ein ans Unmögliche grenzender Optimismus antreiben, die Welt immer weiter verbessern zu können? Wie in Rage geredet kennen wir den Forscher seit der industriellen Revolution, in welcher er das Kindbettfieber bezwang oder billige Energie bereitstellte. Hätte er nicht den praktischen Zweck im Auge gehabt, es wäre nie soweit gekommen.

Nur die Liebe bleibt
Über die Angst in Zeiten der Lieblosigkeit

Ein wahrer Führer, so lehrt es die Unternehmensberatung McKinsey seinen angehenden höheren Angestellten, muß in der Lage sein, für seine Gefolgschaft die Realität zu definieren. Im 16. Jahrhundert glaubte der Domherr zu Frauenburg, Nikolaus Kopernikus, daß ihm dies nicht gelingen würde. Er hielt deswegen seine Schrift ,De revolutionibus orbium coelestium’ genauso geheim wie das Konkubinat mit seiner Haushälterin Anna Schillings. Erst auf dem Sterbebett gab er den Überredungskünsten seiner Mitarbeiter nach und stimmte dem Druck des Buches zu, das anstelle der Erde die Sonne im Mittelpunkt unseres Planetensystems sah. Weil der Mensch damit nicht mehr im Zentrum des Universums stand, bezeichnete Sigmund Freud dies später als erste der drei großen Kränkungen des Menschen, gefolgt von Darwins Theorie des evolutionären Zufalls und seiner eigenen der unterbewußten Triebe. Ob Kopernikus sein Buch noch selbst gesehen hat oder ob es am Tag nach seinem Tod eintraf, ist heute nicht genau bekannt. Mag das Glück der Erkenntnis und die Liebe zu und von Anna Schillings ihm genug gewesen sein.

 
 
Der Feminismus braucht eine PR-Agentur

neue deutsche literatur, Heft 3, 2004,
Schwartzkopff Buchwerke, Berlin

Es passierte in Amsterdam: Weil sie keine Kinder bekommen kann, wird eine Frau von ihrem Mann verlassen, der mit einer anderen Frau alsbald eine Familie gründet, während die Verlassene sich auch neu verliebt, zum ersten Mal in eine Frau. Das lesbische Paar erlebt aber nur ein kurzes Glück, denn die neue Lebensgefährtin der Frau verliebt sich anschließend ausgerechnet in den Exmann und brennt mit ihm durch, nach London. Nach einigen Wochen erscheint sie plötzlich wieder bei ihrer Freundin in Amsterdam, schwanger: Sie habe nur ein Spiel gespielt, um ihr das zu geben, was sie mit dem Exmann nicht hatte haben können. Noch einmal flammt das Glück der beiden Frauen auf. Aber der Geprellte erscheint am nächsten Morgen und im Wutrausch erschießt er die Schwangere.

   
Übernatur am Mont Ventoux
zum Doping im Radsport
 
     
Der Wille zum Glück obsiegt
Zum Literaturnobelpreis an Imre Kertész

Erst vor ein paar Tagen fiel mir beim Aufräumen meines Arbeitszimmers der Essay „Meine Rede über das Jahrhundert“ von Imre Kertész wieder in die Hand: Ein auf den ersten Blick lieblos aussehender Stoß loser Fotokopien, die in der Mitte zusammengefaltet und ein bißchen angedunkelt sind. Auf dem Rand befindet sich aber die Handschrift von Norbert Niemann, der sich für die Anstreichungen entschuldigt, die er vor dem Fotokopieren schon überall in den Text gefügt hatte, und mir auf die ihm eigene Art glühend den damals noch nicht sehr bekannten Autor empfiehlt. Neben Camus, so Niemann, sei Kertész unverzichtbar. Es war der Frühsommer 1996, das fürchterliche Jahrhundert seit über sechs Jahren angeblich vorbei, das neue vor lauter Beliebigkeit aber noch lange nicht in Sicht. Essayisten wie Kolumnisten machten sich auf vergleichbarem Niveau über Gutmenschen lustig, von denen sie nichts mehr wissen wollten, und auch die übrigen Deutschen hatten ihren Glückskredit für die neue Zeit offenbar leichtfertig verpraßt. Die Zahlungsmoral nahm rapide ab und wurde zum existentiellen Problem für den Mittelstand. Jedermann fing an, wegen allem vor Gericht zu gehen. Irgendwie war alles oder doch fast alles egal, und manch Intellektueller soll überlegt haben, ob er seine angeborene, aber wenig angesagte Ernsthaftigkeit durch eine Verkleidung in einen wie auch immer redlichen Fatalisten kaschieren könnte.

  Poppige Krawatten
VERLUSTE AUF BEIDEN SEITEN DER KOMPROMISSE

Man erinnert sich kaum noch an den März 1998, als die Grünen Umfragewerte bei elf Prozent hatten. Die parteiinterne Debatte um Anpassung und Regierungsfähigkeit stand mit der Frage des deutschen SFOR-Mandates in Bosnien auf einem neuen Höhepunkt. Fischer unterlag auf dem Parteitag in Magdeburg mit dem Antrag auf Zustimmung, allgemein konnte man aber voraussehen, dass der Beschluss noch revidiert werden würde. Alles schien gut für die sich zur Regierungsbeteiligung entwickelnde Protestpartei. Aber wehe dem! Mit der Stilsicherheit eines Problemkindes, das am Ende immer auf seine Exzentrik pocht, beschloss die Partei, den Liter Benzin zukünftig fünf Mark kosten lassen zu wollen. In den Umfragen stürzte man sofort ab, bei Wahlen erreicht man seitdem halbierte Zahlen und bis heute gilt jedes Ergebnis, bei dem die Grünen keine Stimmenanteile verlieren, als Sieg.

 
 
Was die Generationen verbindet

Vorschlag zur Güte: Kann man bitte über Rente und Generationengerechtigkeit reden, ohne auf jeden Prozentpunkt hinterm Komma zu achten? Jedenfalls sind die Zielvorgaben der heute Vierzigjährigen weniger materiell dominiert als die ihrer Eltern

Was den Rentenpolitiker vom Feuilletonisten unterscheide, soll in diesen Tagen eine gern gestellte Spaßfrage unter Intellektuellen der Republik sein. Die Antwort ist leicht und wird auch unter arbeitslosen Akademikern grinsend gegeben: Der Rentenpolitiker müsse sich die einschlägigen Generationen nicht erst erfinden.

Die Wrangler
Das war die BRD

Herausgegeben von Georg Diez, Süddeutsche Zeitung, 2001

Es kann nicht lange nach der Grundschule gewesen sein, frühe siebziger Jahre sagt mir die Erinnerung, als mit der Wrangler die definitive psychopolitische Initiation kam. Der soziale Horizont und der Aktionsradius in der Stadt waren bemerkenswert gewachsen, und auf den Streifzügen zwischen Zuhause und der Schule trug man die unverwüstliche Hose. Man hinterfragte sie nicht, wie man den Klassenlehrer auf natürliche Weise erst mal prüfend ansah. Man trug die Wrangler auch nicht einfach, wie man etwa einen Pullover oder eine Jacke oder das Lieblings-T-Shirt trägt. Die Hose mit dem aus gelben Nähten geformten großen W auf den Arschbacken war ein Körperteil, importiert nicht von irgendwoher, sondern direkt aus den großartigen USA.



Das Neutrino ist konservativ
Warum in der Forschung das Tafelsilber verkauft wird

Süddeutsche Zeitung, 2001

Jetzt, wo das dritte Neutrino als letztes Teilchen unserer derzeitigen Theorie der Materie und ihrer fundamentalen Wechselwirkungen nachgewiesen wurde, gibt es wirklich keinen Grund, sich der Freude zu enthalten. Nachdem die Sektflaschen leer getrunken und die Gläser gespült sind, ist aber auch der richtige Moment da, um über den Zustand der Grundlagenforschung am Beginn des Jahrhunderts nachzudenken. Man erinnert sich etwa an die Weisheit, dass wissenschaftlicher Fortschritt meist von ungefähr kommt, jedoch nicht von allein: Es muss schon jemand das Handwerk betreiben. Vor dem Neuen kann man nämlich die Augen lange verschließen.

 
Ab in die Volksforschung?
Warum man wissenschaftliche Ergebnisse manchmal langsamer publizieren sollte

Süddeutsche Zeitung, 2001

Man soll Feste feiern wie sie fallen, besagt eine Volksweisheit, die hierzulande sicher nicht zuviel, aber doch immer mehr Anwendung findet. 2000 war so ein Fall: Obwohl man nicht recht wusste, ob man vorrangig das vergehende Jahrhundert verabschieden oder vielmehr das kommende begrüßen sollte, gefeiert musste werden. Alles andere war Spielverderberei.

  Opium für das Volk und die Macht
Die Probleme Ostdeutschlands sind nur Symptome
der sich radikalisierenden Ideologie des Westens

Süddeutsche Zeitung, 2001

In der Diskussion um den deutschen Osten ging es von Beginn an immer um Geld. Scheinbar. Die Bundestagswahl 1990 wurde zwischen der Versprechung prosperierender Landschaften und einer unpopulären Warnung vor numerischer Überheblichkeit ausgefochten. Das machen wir schon, sagte Kohl: mit Westgeld. So leicht ist das nicht, sagte Lafontaine: Das wird unglaublich teuer.
      Eigentlich fand die Auseinandersetzung aber auf einer nichtmateriellen Ebene statt und hiess damals schnelle Erlösung versus großer Respekt vor der Geschichte. Die schnelle Erlösung gewann so hoch wie erwartet und stellte sich, ebenfalls wie erwartet, als Trug heraus. Die Ernüchterung und ihr Tempo waren aber auch für den gemeinen Westler ziemlich heftig. In wenigen Jahren sank das Niveau des deutschen Mathematikunterrichts genauso wie das des nationalen Fußballs in unbekannte Tiefen, dafür galoppierte die Arbeitslosigkeit. Im Osten brannten Asyle. Unversehens stand man im sinnleeren Raum.

 
 
Die Kunst ist kein Ismus
Wider die Forderung, mit Literatur gegen das Fernsehen zu kämpfen

Süddeutsche Zeitung, 2001

Mitte der achtziger Jahre war ich Student, und in den Sommersemesterferien fuhr ich mit einem Freund nach Süden. Wir waren Motorradfahrer mit Stil, fuhren Ducati oder BMW, und meine Mutter schlief deswegen schlecht, was ich nicht wusste. Mein Vater hielt unsere Sehnsüchte für gesund. Ich galt als extrem vernünftig, aber niemand ahnte, dass ich mit 180 auf der Standspur überholte, wenn dichter Verkehr herrschte. Einmal schafften wir es in drei Tagen bis nach Sizilien. Wir fanden einen malerischen Ort an der Südküste, hielten es aber in diesem Paradies nicht lange aus. Als wir auf dem Rückweg für zwei Tage in Südtirol hielten, um nicht zu früh zuhause zu sein, kam ich mit einem sehr alten Bauern ins Gespräch. Er verstand nicht, was uns umtrieb. Ich versuchte ihm zu erklären, dass wir die Welt sehen wollten. Da sagte er, das sei doch überflüssig seit es den Fernseher gäbe. Den Fernseher, den fände er viel bequemer als irgendwo selbst hinreisen zu müssen.

 
 
Wie hoch pokert Gott?

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2001

Das Wesen der Mode besteht aus dem Furor der schieren Neuartigkeit und ihrem gleichzeitig schon vereinbarten Ende. Was auch für die Mode von Verboten gilt.
Zuletzt war die Einfachheit angesichts der Unübersichtlichkeit verboten, was man beiläufig postmodern nannte und manches Mal mit der modernen Physik begründete. Heute ist das Neue Erzählen der letzte Schrei. Geschichte und Biografien sind wieder linear, Romane sind wieder lesbar und Verkaufszahlen das Maß aller Dinge. Dabei gilt strikt: Je schneller desto besser. Diese neue Mode der Eindeutigkeit ist wiederum eine Mode des Verbots und verboten ist jetzt die Transzendenz.

 
Teure Worte
Polemik zum Thema Geld und Literatur

Süddeutsche Zeitung, 2001

Der Dichtervergifter
zum 10. Todestag Thomas Bernhards
Der Stadtnomade ist online
Das Jahrhundertende ist eine Lücke

Das Jahrhundertende bietet dem Romancier eine einmalige Gelegenheit, so könnte man meinen. Die Bedingungen des Zeitpunktes wollen im Blick zurück historisch und mit Blick nach vorn auch definitiv politisch verstanden sein. Eine Hinwendung des Romans zum Kollektiven, zum Gesellschaftlichen hat aber schon früher in den Neunziger Jahren stattgefunden, etwa mit Marcel Beyers „Flughunden“. In den Achtzigern hatte man ja noch gern eine sogenannte Innerlichkeit gesucht und gefunden. Woher diese Abwendung vom Äußerlichen damals genau kam, ist heute nicht vollständig aufzuklären. Vielleicht ist sie im Zuge der Forderung nach individuellem Glück, das die Protestgeneration mit Vehemenz und vollkommen zu Recht einklagte, zu verstehen oder aus der Ablehnung der Kunst durch viele politische Aktivisten, wenn man an den Papiertiger-Vorwurf gegen die Gruppe 47 etwa denkt. Vielleicht ist die Abwendung auch eine Reaktion auf eine allgemeine Überpolitisierung zu Beginn der siebziger Jahre gewesen, eine große Müdigkeit nach dem vorläufigen Ende der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den staats- und familientragenden Protagonisten des Nationalsozialismus.

Die Säulen des Herkules
Zu Harry Mulisch: Essays.

Gesellschaften nach dem Referential-Verlust präsentieren Kultur als Ranküne, wie Ranküne als Kultur: „leichenschänderischer Trieb aus Ressentiment gegen den toten Vater, eistiges Maß und Ideal.“ schreibt Reinhard Jirgl mit Blick auf die Gegenwart. Zusammen mit der vermeintlichen Utopie sei gleich jedes „Denken des Unmöglichen“ diskreditiert, auch wenn genau dieses der „Antrieb der immanenten Entwicklungs- und Vollendungsmotorik“ ist.

 
Medialismus made by Mulisch:
Ein virtueller Nachruf auf die Referenz

Nummer - Zeitschrift für theoretisches Fernsehen,
Hg. v. Leander Scholz und Thorsten Krämer,
Nummer 7, Tropen Verlag, Köln 1998

Literatur oder im Netz?

neue deutsche literatur, Heft 6 1996, Aufbau Verlag, Berlin